Was braucht mein Kind wirklich?

Nur weil Sie im Rahmen der Frühförderung jedes Babyschwimmen und jede Babymassage mitmachen, heißt das noch lange nicht, dass Ihr Kind später das Gymnasium erfolgreich abschließt und anschließend promoviert. Das kann durchaus auch passieren wenn Sie diese ganzen Kurse sein lassen und stattdessen mit Ihren Kleinen täglich durch den Wald schieben. Viele Wege führen nach Rom und vielleicht will man da auch gar nicht hin, sondern viel lieber nach Barcelona oder in den Bayerischen Wald. Dort soll es ja auch ganz schön sein. Jedes Kind ist einzigartig und anders als die anderen. Das sind schon mal die Fakten.

Wenn man aber als Frau und Mann zu Eltern wird und ein Baby bekommt, heißt das nicht automatisch, dass die Vernunft mit an Bord bleibt und unterstützend wirkt. Nein, es wirken andere Kräfte. Das Unterbewusste meldet sich mit einer klaren Ansage zu Wort: Unser Kind soll es einmal besser und leichter haben als wir. Es soll mehr verdienen, nicht so kämpfen müssen, es soll Ärztin, Pilot oder Bundeskanzlerin werden, am besten alles zusammen. Wir wollen stolz sein auf unser Kind und natürlich soll es glücklich sein. Die gesamte Eltern-Gefühlspalette, die Erwartungen der Eltern und Schwiegereltern, die eigene Kindheit und Vergangenheit, dies alles wird bewusst oder unbewusst und meist auch noch von mehreren Seiten in das kleine Baby hinein projiziert – und vor unserem Elternauge blinkt in schönster Leuchtreklame das Schild „Frühförderung“ auf.

Frühförderung entspannt erleben

Nix wie hin, bevor es zu spät ist und wieder ein Bildungs- oder Lernfenster zumacht. Das geht ja fix. Also strampeln wir uns ab und hetzen aus der viel zu engen Umkleidekabine beim Babyschwimmen zum Babymassagekurs. Nachdem wir dort die noch nicht ganz trockene und vollgepieselte Decke des Kleinen wieder eingerollt haben, geht’s weiter zu PEKIP, EKP oder BEB. Abgelöst werden die Babykurse dann von musikalischer Frühförderung, Mutter-Kind-Turnen, Malen-mit-Musikkursen oder sonstigen weiteren sinnvollen Kleinkinderbetätigungen. Keine Frage, alles tolle Angebote und Möglichkeiten. Aber auch hier entsteht das Problem: vor zu vielen Bäumen sieht man oft den Wald gar nicht mehr! Deshalb hilft es im Dschungel der Frühförder- und Angebotsmöglichkeiten einfach mal inne zu halten. Lassen Sie sich nicht von andernen Müttern und Gleichgesinnten verrückt machen. Überlegen Sie lieber, was für Sie selbst, Ihr Baby und Ihre Familie wichtig und das Richtige ist. Weniger ist hier oft wirklich mehr.

Sind sie selbst ein Langschläfter und ihr Baby auch? Prima. Dann vergessen Sie alle Kurse am Vormittag und suchen Sie sich einmal in der Woche ein schönes gemeinsames Erlebnis mit ihrem Baby in einer Nachmittagsgruppe, die sie stressfrei besuchen können. Sie sind schon wieder Teilzeit in den Job eingestiegen und möchten sich und ihrem Baby trotzdem etwas gönnen, aber unter der Woche ist das alles zu stressig? Kein Problem. Mittlerweile werden Babyschwimmkurse oder andere Aktivitäten auch am Wochenende angeboten. Samstag vormittag zum Babyschwimmen, vielleicht sogar gemeinsam mit ihrem Partner oder abwechselnd. Eine tolle Sache und ein schöner Start in das gemeinsame Wochenende. In diesem Fall müssen Sie nichts und dürfen alles.

Genießen Sie die Zeit mit Ihrem Baby

Machen Sie sich frei von allen Erwartungen und dem Urteil anderer Leute. Gestalten Sie die Zeit mit ihrem Baby oder Kleinkind so wie es für Sie gut und möglichst entspannt und stressfrei ist. Wenn Sie zu viel tun und überaktiv durch die Gegend rennen, können Sie ihre innere Stimme nicht mehr hören und übersehen vielleicht was Ihnen und ihrem Baby wirklich gut tut. Es sind oft die kleinen, einfachen Dinge des Lebens: Viel kuscheln, zusammen lachen, auf dem Boden auf der Decke rollen, im Garten liegen und Schmetterlinge beobachten. Gut, realistisch gesehen sind es wohl eher Regenwürmer und Nacktschnecken, die Kinder faszinierend finden. Egal. Es gibt so viel zu entdecken.

LockerMach-Tipp

Nutzen Sie auch die Entwicklungsmöglichkeiten Ihres Kindes, die sich direkt vor ihrer Haustür befinden. Sie müssen nicht wie eine Wahnsinnige die zwanzig Kilometer gestresst und mit trotzendem Kleinkind im Autositz zum Englischkurs für Zweijährige brettern. Ihr Kind entwickelt seine eigene Persönlichkeit und möchte vielleicht nicht Violine spielen, auch wenn sie sich selbst das so sehr erhofft hätten. Vielleicht möchte ihr Kind gar kein Instrument lernen, sondern sich lieber bewegen. Seien Sie offen und beobachten Sie ihre Kinder. Sie zeigen Ihnen sehr schnell, welche Interessen und Fähigkeiten sie besitzen und was sie mögen, können und was gar nicht. Und denken Sie in Bezug auf die Frühförderung immer daran: „Morgen ist auch noch ein Tag“.